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Gedenkstättenfahrt Krakau 13.11.2017-18.11.2017

Auch in diesem  Jahr hatten interessierte Schüler der Q2 die Gelegenheit, sich dem Leistungskurs Geschichte Q2 bei der alljährlichen Gedenkstättenfahrt nach Auschwitz/Birkenau anzuschließen, sodass am Abend des 13.11.2017 eine mittelgroße Gruppe in Begleitung von Frau Elkmann, Herrn Biermann und Frau Thorwesten mit einem Reisebus in Richtung Krakau aufbrach.
 
Schon im Vorfeld der Fahrt hatten sich einige von uns viele Gedanken gemacht. Wie man die polnische Kälte vertrüge, wie gut man in einem fremden Land mit fremder Sprache und Währung zurechtkäme und vor allem, ob oder wie man das Gesehene verarbeiten könne.
In Krakau angekommen empfing uns Herr Wilmsmann im Hostel Deco. Nachdem die Zimmer bezogen waren, gab eine Stadtführung Orientierungshilfe, bevor wir gegen Abend Zeit hatten, die Stadt eigenständig zu erkunden. Besonders Krakaus Altstadt wurde für uns zum Hauptaufenthaltsgebiet in unserer freien Zeit.
 
Am zweiten Tag besuchten wir das Museum in der ehemaligen Emaille-Fabrik von Oskar Schindler, der über 1000  Juden vor der Ermordung in Konzentrationslagern rettete.
Dieses Museum erwies sich als deutlich interessanter, als von den meisten angenommen.
Es befasst sich weniger mit Oskar Schindler und der Rettung seiner jüdischen Arbeiter, als mit Krakau als Verwaltungshauptsitz des Generalgouvernments unter der Herrschaft des Nationalsozialismus im Allgemeinen. Die einzelnen Ausstellungsräume sind sehr eindrucksvoll gestaltet und jeweils ein Kunstwerk für sich, da kein Detail dem Zufall überlassen worden ist.
Ein Raum voller gerahmter Bilder aus dem Privatleben der Bevölkerung Krakaus vor dem Überfall des Deutschen Reiches auf Polen am 01.09.1939 eröffnet die Ausstellung, in der beispielsweise die Thematik des Krakauer Ghettos auf eine sehr effektvolle Art vermittelt wird: in einem verdunkelten Gang, dessen Wände den Mauern des Ghettos gleichen, sind an den Wänden Briefe, Fotos und erklärende Texte beleuchtet. Die Enge und Bedrücktheit im Ghetto war für uns förmlich zu spüren.
 Ein weiteres Beispiel für die Anschaulichkeit des Museums ist ein originalgetreu nach gebauter Verschlag, in dem man Juden versteckt hielt. Während des Betretens konnten sich die meisten von uns kaum vorstellen, monatelang auf so engem, stickigem Raum mit mehreren Menschen in ständiger Angst zusammenzuleben.
Insgesamt ist das Museum nicht nur besonders anschaulich, sondern auch gleichzeitig sehr lehrreich, sodass einige von uns sich dort vermutlich noch länger hätten aufhalten können.
Das Fazit des Museumsbesuchs: Etwas auf dem Papier zu lesen und es wirklich vor sich zu sehen macht einen gewaltigen Unterschied - diese Erfahrung machten wir im Laufe der Fahrt tagtäglich und wurde uns noch viel drastischer bewusst.
Nach dem Besuch eines weiteren Museums, des Jüdischen Museums Galiziens in Kazimierz (dem jüdisch geprägten Viertel Krakaus) und einem Zeitzeugengespräch, aßen wir alle zusammen im jüdischen Restaurant „Ariel“ zu Abend, wo die Klezmermusik einer Musikercombo nach dem Essen ein besonderes Highlight darstellte.
 
Dem nächsten Tag sehen alle mit gemischten Gefühlen entgegen: Wir besuchten das Stammlager Auschwitz bei Oswiecim (dt. Auschwitz). Die Sonnenstrahlen auf den roten Backsteinhäusern erschienen uns als beinahe unpassend, da dieser Ort durch sie viel zu freundlich aussah für das, was sich hier vor Jahrzehnten abgespielte.
In manchen der Backsteinkasernen, in denen die Häftlinge von Auschwitz untergebracht wurden, befinden sich nun Ausstellungsräume. An den Wänden eines Kasernenflures hängen Portraitfotos der Häftlinge, unter denen Herkunft, Name, Beruf, Ankunfts- sowie Todesdatum im KZ dokumentiert sind. Es sind die spezifischen Informationen über den einzelnen Häftling, die zum Nachdenken anregen und das ins Gedächtnis rufen, was man in der Informationsflut leicht vergisst: über 6 Millionen Opfer bedeutet auch über 6 Millionen Einzelschicksale.
Im Vorfeld hatten wir von früheren Fahrtenteilnehmern gehört, dass „die Haare“ zu den schockierendsten Dingen zählten, die man in Auschwitz gesehen hatte. Und tatsächlich sind die sieben Tonnen Menschenhaar, die den Häftlingen nach ihrer Ermordung abrasiert worden und in einem Ausstellungsraum zu sehen sind, uns ziemlich eindrücklich in Erinnerung geblieben. Sieben Tonnen Menschenhaar von so vielen Mordopfern kann man sich nicht vorstellen. Man muss es gesehen haben - und selbst dann kann man die damit einhergehende Grausamkeit, die Menschen gegen Menschen richten können, nicht begreifen. Auch über 40.000 Paar Schuhe, von denen manche nicht länger als der Daumen eines Erwachsenen sind, kann man sich in der Masse kaum vorstellen.
Das Bedrückendste in Auschwitz war für die meisten von uns wohl nicht die Anlage an sich, nicht das Tor mit dem pervers-ironischen „Arbeit macht frei“ -Schriftzug und nicht die Gaskammer, deren Kratzspuren an den Wänden man kaum erkennen kann, weil die Besuchermassen zügig dort durchgehen; sondern der direkte Kontakt mit den persönlichen Gegenständen der Opfer, der uns schmerzhaft vor Augen führte, dass diese vor dem Holocaust ein ganz normales Leben führten wie wir es tun.
Deutlich wurde dies auch in der Ausstellung „Schoah“ (hebr. „Katastrophe“, „das große Unglück“, synonym für den Holocaust), in der unter anderem Filmaufnahmen der jüdischen Sommerurlaube der Familien vor 1939 gezeigt werden.
 
Nach dem Stammlager Auschwitz besuchten wir auch das jüdische Museum in Oswiecim, in dem vor allem die jüdische Geschichte der Kleinstadt behandelt wird. Außerdem befindet sich dort die einzige Synagoge Oswiecims, die sowohl jüdische Gemeinden in der Umgebung als auch jüdische Gruppen, die zuvor die Lager Auschwitz oder Birkenau besucht haben, nutzen.
 
Als wir am letzten Tag das Außenlager Birkenau besichtigten, war das Wetter angemessener: kalt, windig, und regnerisch, sodass die ersten schon vor der eigentlichen Führung froren.
Während der Führung kam bei einigen die Frage auf, wie man in Birkenau überhaupt überleben konnte bzw. wie es möglich ist, dass es Holocaust-Überlebende gibt.
Der mangelnde Schlaf in den kalten Baracken, die dünne Kleidung, das karge Essen, nur Holzschuhe (wenn überhaupt) zum Fortbewegen auf einem ehemaligen Sumpfgebiet, die ständige Einschüchterung, die Entwürdigungen, die katastrophalen hygienischen Zustände, die Isolation von Familie und Bekannten, die Willkür gegenüber den Gefangenen und der Geruch von verbranntem Fleisch, der von den Schornsteinen der Krematorien ausgegangen sein muss.
All dies macht es nur sehr schwer vorstellbar, dass man an solch einem Ort länger als ein paar Monate überleben konnte, auch wenn man nicht in einer der Gaskammern verendete.
 
Das Gelände schien beinahe endlos zu sein. Das Ende der bekannten Eisenbahnschienen war irgendwo am Horizont, zwischen den Ruinen der Krematorien. Es war kaum greifbar, dass man sich am Tatort eines der größten Verbrechen der Menschheitsgeschichte befand; dass sich genau hier vor weniger als 100 Jahren die ganzen abscheulichen Dinge abgespielt haben, von denen wir in der Führung hörten oder die wir im Zuge der Vorbereitung auf die Fahrt erfuhren.
Wir standen vor den Ruinen eines der Krematorien, die Frau, die uns durch die Anlage führe, las ein Gedicht vor, das von dem Holocaust-Überlebenden Elie Wiesel verfasst wurde und den Dialog eines kleinen Mädchens mit seiner Mutter auf dem Weg zur Gaskammer wiedergibt  („Mutter und Tochter“). Dem ein oder anderen wurde noch kälter, als es ohnehin schon war.
Wir gingen durch das Aufnahmegebäude, dort, wo Häftlinge ihre Kleidung und ihre Nummer erhielten bzw. tätowiert bekamen, sahen unzählige Familienfotos, die ihnen dort abgenommen wurden. Kurz danach standen wir vor einem Teich, auf dessen Grund die Asche vieler in Auschwitz-Birkenau ermordeter Menschen liegt; sahen eine Wiese, auf der Leichenberge verbrannt wurden, bevor die Krematorien in Betrieb genommen wurden oder wenn diese überlastet waren. Obwohl manchmal heimlich oder von der SS vor Ort aufgenommene Bilder parallel zum heutigen Ort zu sehen waren, fiel es den meisten schwer, das Gehörte zu realisieren. Alles war irgendwie surreal.
Erst im Nachklang konnten wir das Gesehene mit unserem Wissen verknüpfen- so das allgemeine Credo der vielen Reflektionsrunden, auch wenn natürlich nicht jeder gleich stark emotional berührt wurde.  
 
In einem Punkt sind wir uns allerdings weitestgehend einig: wir tragen keine Schuld am Vergangenen, aber die Verantwortung dafür, dass die Vergangenheit weder in Vergessenheit gerät noch sich wiederholt.